HAPPY HOUR mit Gaines

 

 

Während die immer tiefer hängende, herbstliche Sonne in das Fenster meines Zuges scheint, bekomme ich ein überwältigendes Gefühl von Heimweh.  Ich möchte jetzt in diesem schönen Licht auf meinem Balkon sitzen, vielleicht mit einem heißen Apfelwein in der Hand, besonders jetzt, wo die neue Spielzeit anfängt und ich längere Zeit auf mich zukommen sehe, in der ich nicht zu Hause sein werde. Aber ich dränge diesen Gedanken aus meinem Kopf.  Denn ab heute (in ca. eine Stunde, nach meiner Ankunft in Wiesbaden) darf ich mein letztes freies Wochenende das ich bis Februar haben werde, genießen!

     Ehrlich gesagt, genieße ich es jetzt schon. Ich schaue aus der linken Seite des Zuges hinaus, direkt auf das gold/grün schimmernde Wasser des Rheins. Auf jedem Berglein steht ein Burglein, uralte Erinnerungen aus einer anderen, uralten Zeit. Und von der rechten Seite aus, die steilen, lockenden Reihen eines Weinberges.  Wie ich über die letzten 10 Jahren diese Landschaft lieben gelernt habe! Sie spricht bestimmt den Romantiker in mir an, genau so wie ein schöner Strand.

 

Oh je, sehe ich dort tatsächlich den leichten Anfang von orange-farbenen Blättern in den Wäldern?  Doch!  Der Herbst ist dadurch nicht zu verleugnen.

     Oh, no. Bin ich dafür bereit?

     Wenn ich die erste kühle Herbstluft durch meine Haare wehen spüre, den ersten unverkennbaren Herbstgeruch darin rieche, werde ich sofort in meinen Sinnen nach Alabama gezogen.  Wie ich und meine beste Freundin Sabrina- damals auf dem Heimweg von der Grundschule- in den Haufen von gefallenen Herbstblättern schreiend und lachend hineingesprungen sind. Freude!  Oder den ersten Schultag, wer wird diesmal in meiner Klasse sein, werde ich meine gewünschte Lehrerin bekommen? Wird der verhasste Junge, der mich immer wegen der Tanzerei hänselt, in meiner Klasse sein? Angst! Unsicherheit!

     Dann springen meine Gedanken ungefähr 15 Jahre weiter nach vorn.  Washington DC.  Meine Uni-Zeit.  Herbst in der Großstadt. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebe ich einen echten nördlichen Herbst.  In den Südstaaten gibt es wohl einen Herbst, aber nicht wie im Norden, wo die Bäume feuer-rot & glühend-orange werden.  So was hatte ich bis dahin nur auf Bildern gesehen.  Ich bin mit Freunden am Wochenende in die Landschaft gefahren, um dieses Wunder in der Natur zu erleben.  Freude!  Aber auch:  die immer herausfordernden  Kurse und jedes Jahr neue, noch strenge Professoren.  Und jedes Semester die Frage, ob ich diesmal alles wieder meistern werde oder vielleicht scheitern?

Angst. Unsicherheit.

     Über die Jahre hinaus, sind diese Grund legenden Gefühle für mich immer noch mit dem Herbst verbunden.  Neue Spielzeit, neue Shows, neue Rollen.  Der erste Probetag ist für mich immer wieder wie der erste Schultag. Wie werden die Kollegen sein, werde ich mit dem Regisseur klar kommen? Werden meine Fähigkeiten ausreichend genug sein, um die neue Rolle glaubwürdig zu verkörpern, schön genug zu singen, gut genug zu tanzen?

Angst. Unsicherheit.

     Und Freude.

     Denn, genau wie in den Haufen von Blättern, liebe ich es jetzt als Erwachsener in die neuen Projekte zu springen. Sicher, immer wieder mit Angst und Unsicherheit. Aber doch überwiegend mit Freude!

    Also, es ist nicht zu vermeiden, der Herbst kommt.  Aber glücklicherweise damit auch die schönen Farben in den Bäumen, das besondere tief scheinende Licht der Sonne und die neue Projekte auf die ich mich natürlich freue, aber vor denen ich mich gleichzeitig auch ein wenig fürchte.  Naja, der kleine Schuljunge wird aus mir wahrscheinlich nie ganz fort sein.  Und es ist gut so.

     Ich wünsche Euch auch viel Freude, mit wenig Angst und Unsicherheit, für den eingebrochenen Herbst!

 

euer