HAPPY HOUR mit Gaines

September 2011

 

    

Als ich noch Teenager war und noch in Alabama lebte, konnte die Zeit für mich nicht schnell genug laufen, damit ich alt genug sein würde, diesen Ort verlassen zu dürfen.  Ich war wild auf die große, weite Welt, sei es New York, Washington DC, London oder sonst wo.  Hauptsache, fort aus der Provinz und endlich mein Leben wirklich anfangen!  Es war nicht der Fall, dass ich meine Heimat nicht mochte, sogar liebte, aber ich wusste irgendwie tief in mir dass ich fort musste um all das machen zu können, was ich mir für mein Leben vorstellte. Es war aber auch leider Tatsache, dass ich für die meisten Leute in Süd-Alabama immer ein tanzender, komisch angezogener Freak war und ich hätte den Spott nicht einen Tag länger ausgehalten als ich es während meinen gesamten 17 Jahren schon geduldet hatte. Ich sage das aber ohne jegliches Selbst-Mitleid oder Zorn. All das hat mich gezwungen, ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu entwickeln und ohne das und ohne diesen Ansporn wäre ich vielleicht nie rausgekommen.

 

     Am vergangenen 05. August waren es genau 25 Jahre seit meiner Flucht aus den Süden. Ich fuhr ganz alleine in meinem kleinen Toyota die ganzen 10 Stunden von meiner Omas Haus in Georgia bis nach Washington DC, wo ich bald anfangen würde zu studieren Ich werde nie vergessen, als ich mich der Stadt näherte und die Lichter am Horizont sehen konnte, kam das Surfer-Lied „Wipe-out“ im Radio. Ich habe die Fenster alle komplett runter gekurbelt, das Radio auf höchste Lautstärke gedreht und schrie vor Freude aus meiner tiefsten Seele. Ich war frei! Jetzt konnte mein Leben endlich beginnen! Ich konnte anfangen der Mensch zu werden, den ich immer in Alabama in der Warteschleife halten musste. Ich war wie ein Gefangener, der nach 20 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, nachdem man feststellen musste, dass er nie eine Straftat begangen hatte, um in das Gefängnis überhaupt zu kommen.

 

     Zu meinem größten Glück haben meine Eltern 1970 ein kleines Strandhäuschen an der Küste des Golf von Mexiko im Norden von Florida gekauft. Dies ist jetzt der Hauptwohnsitz meiner Mutter - und von mir - wenn ich nach Hause fliege. Ich bin an vielen Wochenenden und sämtlichen Schulferien dort aufgewachsen. Wir haben ein komplettes zweites Netzwerk von Freunden und Traditionen dort aufgebaut, sodass dieser Ort inzwischen meine absolute Heimat ist.  Es ist dort, wohin es mich seit 25 Jahren immer wieder zurück zieht. Am zucker-weißen Sand, neben dem türkisgrünen Wasser, in dem ich mein Leben lang geschwommen bin und gespielt habe, ist es wo ich meine Energie- sowohl körperliche wie seelische- wieder auftanken kann.  Die Energie und die Kraft, die ich für die langen und oft unglaublich anstrengenden Spielzeiten hier im Europa brauche, sammele ich dort an meinem Strand.  Ich kann in diesem kleinen Bericht gar nicht versuchen zu erklären, was es alles für mich bedeutet, dort zu sein.  Die salzige, feuchte, tropische Luft ist halt mein Lebenselixier.  Punkt.

 

     Ich versuche seit einigen Jahren meine Liebe zu dem Ort mit meiner Liebe zu meinem Leben hier im Europa im Ausgleich zu halten. Die Götter haben es mit mir hier in Wien gut gemeint, denn seit meiner Rückkehr um „Singin’ in the Rain“ weiter zu proben, ist das Wetter herrlich gewesen.  Das machte es leichter.  Aber meine Oma hatte damals doch Recht gehabt, als ich mich bei ihr beschwerte wie sehr ich es mir wünschte, dort weg zu kommen. „Glaub mir, eines Tages wirst du es zu schätzen wissen, woher Du kommst.“

 

Euer

        

 

 

 

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